Sollten wir noch reisen?
Kolumne,  Nachhaltigkeit

Klimawandel, Massentourismus – Sollten wir noch reisen?

Seit über acht Monaten steht der Tourismus weltweit still. Während im Sommer zumindest noch innereuropäisches Reisen möglich war, ist bei der aktuellen Entwicklung der Pandemie an Urlaub im Ausland, geschweige denn interkontinentales Reisen, kaum zu denken. Sehr wahrscheinlich wird die Tourismusindustrie noch mehrere Jahre die Auswirkungen der Coronakrise spüren und dennoch bin ich gleichermaßen sicher, dass sie sich über kurz oder lang davon erholen wird.

Die aktuelle Krise ist allerdings ein idealer Zeitpunkt um unser eigenes Reiseverhalten einmal zu hinterfragen. Sollten wir in Anbetracht von Klimawandel und zunehmendem Massentourismus überhaupt noch reisen? Fünf bis acht Prozent der CO2 Emissionen stammen weltweit vom Flugverkehr und Tourismus, Hotelriesen in Strandnähe verdrängen Mangrovenwälder und Ökosysteme. Wäre es da nicht an der Zeit uns vom Reisen zu verabschieden und uns maximal auf lokale Urlaube zu konzentrieren?

Obwohl die negativen Auswirkungen des unkontrollierten Tourismus keinesfalls von der Hand zu weisen sind, ist die Reisebranche auch für viele positive Effekte in Zielgebieten weltweit verantwortlich. Besonders Entwicklungs- und Schwellenländer profitieren stark vom Tourismus und deshalb wäre das generelle Aufgeben von Urlaubsreisen ein Schritt in die falsche Richtung. Die wichtigsten Gründe dafür will ich dir hier vorstellen.

 

Verbesserung von Wirtschaft und Bildung in Zielgebieten

 

Eine der naheliegendsten Auswirkungen des Reisens ist die Verbesserung der wirtschaftlichen Situation der jeweiligen Destination. Tourismus bringt Geld ins Land und schafft eine Vielzahl von Arbeitsplätzen. Besonders wenn man als Reisender bewusst lokale Unterkünfte und keine internationalen Hotelketten wählt, bleibt das Urlaubsbudget auch im Land und kommt direkt der lokalen Bevölkerung zugute.

Erwiesenermaßen verfügen touristische Gebiete über eine bessere Infrastruktur und bessere Bildungsmöglichkeiten als andere Regionen. Besonders Frauen profitieren von diesen Bildungschancen in benachteiligten Ländern, da vielerorts 70 Prozent der im Tourismus Beschäftigten weiblich sind. Wer also auf Reisen bewusste Entscheidungen trifft bei der Auswahl seiner Unterkünfte, Restaurants und Läden, unterstützt auf diese Weise einen wachsenden Wohlstand und ausgeglichene Bildungschancen am Zielgebiet.

 

Natur erfährt Aufmerksamkeit und wirtschaftlichen Wert

 

Durch den Tourismus und besonders die steigende Nachfrage nach individuellen Reisen und authentischen Abenteuern, bekommt die Natur einen monetären Wert. Der Schutz von Wildtieren und Umwelt hat durch den Tourismus nicht mehr nur einen ideellen Wert, sondern bekommt wirtschaftliche Relevanz. Beispielsweise wird laut des WWF allein mit den Korallenriffen weltweit ein Betrag von 36 Milliarden Dollar jährlich erwirtschaftet.

Leider wird die Natur erst als schützenswertes Gut wahrgenommen, wenn mit ihrer wirtschaftlichen Vermarktung mehr Geld verdient werden kann als mit ihrer Zerstörung. Dies gibt dem Tourismus jedoch die Chance Großes zu bewirken. Der Schutz der Wale erfährt vermehrt lokale Akzeptanz, seit die betroffene Bevölkerung mit Walbeobachtungstouren gutes Geld verdient. Die starke touristische Nutzung der Salar de Uyuni in Bolivien, erschwert den Abbau des Naturwunders für die Lithiumgewinnung.

Die Wahrnehmung der Natur als schützenswerte Sehenswürdigkeit führt dazu, dass Strände und Umwelt sauber gehalten werden um Urlaubern zu gefallen. Gleichermaßen erhält die Bewahrung alter Kulturen und der Schutz von Baudenkmälern eine größere Bedeutung, wenn diese sich durch den Tourismus monetarisieren lassen. Du trägst also mit deinen Reisen dazu bei, dass Tiere und Natur geschützt werden und individuelle Kulturen erhalten bleiben.

 

Finanzierung von Tier- und Umweltschutzgebieten

 

Eine direkte Konsequenz davon, dass die Natur als schützenswertes Gut für den Tourismus wahrgenommen wird, besteht darin, dass die Einnahmen aus dem Ökotourismus auch direkt dem Erhalt von Nationalparks und Naturschutzgebieten zugutekommen. In Afrikas großen Nationalparks wie dem Krügernationalpark oder der Serengeti, fließt das Geld aus dem Tourismus in die Ausbildung von Ranchern und den Schutz der Wildtiere.

Dieser direkte Zusammenhang von Tourismus und Finanzierung der Schutzgebiete wird derzeit durch die Coronakrise auf traurige Weise sichtbar. Das Wegbleiben der Reisenden schwächt die Wirtschaft und führt zu größerer Armut der lokalen Bevölkerung. Dies führt dazu, dass vermehrt Wildtiere in den Reservaten gejagt und getötet werden, da die finanziellen Mittel zum Schutz vor Wilderei ebenfalls weggebrochen sind. Auf diese Weise geraten ohnehin bedrohte Arten zunehmend in Bedrängnis und langfristig droht eine merkliche Dezimierung der Wildtierbestände.

Entsprechend ermöglicht der Tourismus den Schutz von Arten und den Erhalt von Naturreservaten. Außerdem kommt das Geld der Safari-Urlauber der Finanzierung von neuen Forschungsprojekten im Bereich Tier- und Naturschutz zugute. Wenn du dich also für bewussten Natur- und Wildtiertourismus entscheidest, kommt dein Reisebudget nicht nur der lokalen Wirtschaft, sondern auch dem Erhalt von Flora und Fauna zugute.

 

Förderung des Bewusstseins für die Notwendigkeit von Umweltschutz

 

Wenn du auf Reisen mit offenen Augen durch die Welt gehst, werden dir an vielen Ort Missstände verschiedener Art auffallen. Seien es die Unmengen von Plastikflaschen in den Straßengräben vieler Länder, die offensichtliche Armut großer Teile der lokalen Bevölkerung, soziale Ungleichheiten, die fortschreitende Abholzung der Wälder oder Meerestiere mit Plastikleinen um den Hals.

Zwar ist uns auch zu Hause bewusst, dass weltweit viele Missstände zu bekämpfen sind und dennoch ist es etwas anderes, sie mit eigenen Augen zu sehen. Das persönliche Erleben soziokultureller und ökologischer Probleme fördert das Bewusstsein für die Notwendigkeit von Hilfs- und Schutzmaßen. Als bewusster Reisender wird man mit einem anderen Weltbild nach Hause zurückkehren und sich persönlich verstärkt in der Bekämpfung dieser Missstände engagieren.

Nicht jeder muss dabei gleich Schutzorganisationen beitreten oder Kinderpatenschaften übernehmen. Vielleicht veranlasst dich das eigene Wahrnehmen weltweiter Missstände auch dazu deinen Plastikverbrauch zu reduzieren, dich vegetarisch oder vegan zu ernähren oder dich bewusst von Fast Fashion zu distanzieren. Egal wofür du dich entscheidest, es ist ein Schritt in die richtige Richtung.

 

FAZIT – Sollten wir also noch Reisen?

 

Ja, definitiv, allerdings müssen wir uns über unser eigenes Reiseverhalten und dessen Auswirkungen bewusst werden und entsprechende Entscheidungen treffen. Das Reisen sollte nicht länger als Selbstverständlichkeit wahrgenommen werden, sondern als echtes Privileg mehr Wertschätzung erfahren. Auf diese Weise verzichten wir eher auf den dritten Kurztrip im Jahr, sondern gönnen uns stattdessen lieber die eine große Reise, von der wir schon lange träumen.

Mit der bewussten Auswahl von Reiseveranstaltern und Unterkünften, tragen wir wesentlich zu einer verantwortungsvollen Tourismusentwicklung bei. Wenn wir uns also zunehmend von günstigem Pauschaltourismus, Billigkreuzfahrten und unkontrolliertem Massentourismus abwenden und den Wert des Reisens wieder erkennen, kann unsere Liebe zu fernen Ländern eine große Hilfe für Mensch und Natur gleichermaßen sein.

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