Kolumne

Post Travel Blues – Das Ende einer Reise…

Ich sitze im Taxi zum Flughafen und mir laufen die Tränen über die Wangen. Der wolkenverhangene Himmel und leichter Nieselregen bieten mir einen letzten grauen Eindruck der südlichsten Stadt der Welt. Den Check In Prozess und das Boarding nehme ich kaum wahr.

Die Maschine füllt sich und unfreiwilligerweise habe ich einen Gangplatz erwischt. Bevor das Flugzeug in den Wolken verschwindet erhasche ich vorbei an meiner Sitznachbarin einen letzten kurzen Blick hinunter auf das raue Meer und die einfachen Häuser. Ich verabschiede mich innerlich von der kleinen Küstenstadt. Ushuaia ist so weit entfernt von meiner Welt, dass ich nicht weiß, ob ich jemals wieder hierher zurück kommen werde.

Glück, Trauer, Dankbarkeit

Es ist mir unangenehm, aber ich kämpfe noch immer mit den Tränen und verschanze mich mit meinen Kopfhörern und der Musikauswahl von Aerolineas Argentinas. Ich bin erfüllt von so vielen unterschiedlichen Emotionen, die ich kaum bewältigen kann. Die letzten fünf Wochen waren nicht nur ein Urlaub. Es war die Erfüllung eines Lebenstraums. Die eigene Komfortzone verlassen und gleichzeitig so sehr bei mir selbst sein wie nie zuvor.

Ich verspüre ein so überwältigendes Glücksgefühl und eine tiefe Dankbarkeit für die unzähligen Eindrücke und Erinnerungen, die ich für immer mitnehmen werde. Das unbändige Freiheitsgefühl bei den ersten Schritten allein auf einem fremden Kontinent, Gespräche mit tollen Menschen aus aller Welt bis tief in die Nacht, die skurrile Romantik eines Camping Abenteuers bei Minusgraden, Guanacos im patagonischen Abendlicht und das fantastische Gefühl genau jetzt am genau richtigen Ort zu sein.

All diese Emotionen und Erinnerungen verfolgen mich beim Flug über die argentinische Pampa. Ich weine gleichzeitig vor Glück über das Erlebte und aus Traurigkeit, weil es vorbei ist. Weil ich in weniger als zwei Tagen wieder in Deutschland bin und sich mein Leben zu Hause in dem Moment so wahnsinnig weit entfernt anfühlt. Ich bin emotional noch nicht so weit. Ich möchte nicht zurück, die Freiheit der letzten Wochen noch nicht aufgeben.

Als ich wenige Stunden später für einen letzten Zwischenstopp auf der Heimreise in meinem Hotel in Buenos Aires ankomme und mein Handy wieder einschalte habe ich mehrere empfangene Textnachrichten. „So great to have met you. Let me know you are okay.“ schreibt mir ein Freund aus Ushuaia. Bin ich okay? Ich weiß es nicht. In diesem Moment nicht. Aber es wird schon werden.

Fremd in der eigenen Stadt

Drei Tage später sitze ich in Köln mit einer Freundin im Café. Wir haben uns seit vielen Wochen nicht gesehen und natürlich will sie wissen wie meine Reise war. Ich erzähle ihr was ich erlebt habe. Sie ist interessiert, fragt nach und ich zeige ihr einige Fotos auf meinem Handy. Nach einer halben Stunde ist das Thema Südamerika Reise abgehakt und wir gehen zu unseren alltäglichen Themen über. Jobsituation, Hobbys, Privates. Ich freue mich sie wieder zu sehen und wir haben einen schönen Nachmittag zusammen.

Trotzdem merke ich, dass ich nicht so schnell in den Alltag zurück finde. Ich kann mich noch nicht über Jobprobleme und das neue Restaurant in der Stadt unterhalten. Ich bin emotional noch nicht zurück. Das klingt selbstgefällig und undankbar und ich will keinem meiner Freunde in Deutschland einen Vorwurf machen. Wer es selbst bisher noch nicht erlebt hat, kann die Emotionen einer intensiven Langzeitreise nicht nachvollziehen und das ist okay.

In den darauffolgenden Wochen fühle ich mich oft fehl am Platze und stelle vieles in Frage. Ich spüre, dass die Reise etwas mit mir gemacht hat und dass ich nicht bereit bin nahtlos dort weiterzumachen, wo ich zuvor aufgehört habe. Das ist mehr als ein Post-Travel-Blues. Meine Werte haben sich verändert und ich habe Blut geleckt. Ich habe in diesen fünf Wochen mehr Erinnerungen gesammelt als manchmal in einem ganzen Jahr. Ich möchte mehr davon, mehr Freiheit, mehr fühlen, mehr leben, weniger Routine und Konventionen.

Das nach Hause kommen kann zuweilen der schwierigste Part einer ausgiebigen Reise sein. Während man sich selbst verändert hat, ist das eigene Umfeld in der Heimat das gleiche geblieben. Man muss versuchen erneut seinen Platz zu finden und in der Zwischenzeit hilft es, sich an die vielen wunderbaren Momente und Erlebnisse zu erinnern. Sie sind es, die das Leben ausmachen und für die sich jede einzelne Reise lohnt, egal wie schwierig das Heimkehren auch manchmal sein mag.

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